Ich muss hier einmal etwas loswerden. In den letzten Tagen habe ich mehrere Diskussionen intensiv verfolgt und mich über den Verlauf erschrocken und amüsiert, aber amüsiert nur in der Weise des Zehnjährigen, der mit einem Lächeln verfolgt, wie unter seiner Lupe eine Ameise verbrennt. Aber da es sich bei den Diskutanten nur um anonyme Internetuser handelte, hakte ich das als “jugendlichen Unsinn, Kindergarten” ab.
Heute dann kam der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte, seit ein kleiner nichtssagender Post plötzlich völlig unerwartete Reaktionen bei den Leuten auslöste, die ich zu kennen glaubte.
Doch fangen wir von vorne an.
Heute Morgen ging diese kurze Nachricht durch die Presse: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1394326/Homo-Ehen-in-New-York-offiziell-erlaubt
Interessant genug, fand ich, sie in meinem sozialen Netzwerk zu posten – und schon hatte ich plötzlich drei Diskussionen am Hals, die mit einer Vehemenz geführt wurden, die mir Angst machte. Drei Diskussionen ist nicht viel gegenüber der schweigenden Mehrheit, doch die Art, wie hier reagiert wurde, ist mir diesen weiteren Post zu dem Thema wert.
Eines vorab: Ich bin ein absolouter Befürworter der Meinungsfreiheit. Jeder soll seine Meinung haben und sie vertreten dürfen, ohne dass ich ihn dafür verurteile. Die Meinung an sich ist mir somit egal. Wer seine Meinung öffentlich postet, sollte auch mit Reaktionen darauf rechnen oder dass seine Meinung hinterfragt wird. Auch klar. Aber die Art, wie eine Meinung vertreten wird, die soll hier einmal an Beispielen näher durchleuchtet werden, denn sie findet sich vergleichbar in allen Diskussionen im Internet wieder.
Was also brachte mich so auf die Palme?
Nur zur Rekapitulation: Obiger Link erklärt, dass in New York homosexuelle Ehen nun erlaubt sind, was zu einem Ansturm bei den Standesämtern führt. Nichts besonderes also, dachte ich, aber für das erzkonservative Amerika ein interessanter Schritt. Nur zur Erinnerung: Gleichgeschlechtliche Ehen sind bereits in 10 Ländern und in 6 US-Bundesstaaten erlaubt.
Erste Reaktion:
Eine direkte Klassifizierung ohne Hinterfragung der Nachricht als ‘Pervers’ – ohne jegliche Begründung. Und das ist schlichtweg diffamierend und beleidigend, stellt es doch Homosexualität auf eine Ebene mit Sadismus, Masochismus und Pädophilie (siehe IDC-10 Klassifizierung psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen, http://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_statistische_Klassifikation_der_Krankheiten_und_verwandter_Gesundheitsprobleme)
Eine derartige Klassifizierung sollte aber seit 1973 der Vergangenheit angehören, nachdem man die Homosexualität aufgrund von Forschungsergebnissen aus dem Katalog der psychichen Störungen strich.
ok. Unwissenheit(?).
Die nächste Klassifizierung erfolgte mit “unnatürlich”. Hmmm. Die Natur bringt Homosexualität bei Mensch und Tier (dokumentiert bei ca. 1500 Arten) hervor. Es ist ja nichts, was man sich “aussucht” oder gar frei entscheiden kann. Ganz im Gegenteil, die Unterdrückung homoerotischer Neigungen aufgrund äußerer Umstände führt oftmals zu schwerwiegenden Störungen bei den jeweiligen Personen.
hmmm. Das würde ich nichtmal unter Unwissenheit fassen, dass ist schon ein (fürs Internet ebenso wie für den Stammtisch) üblicher Beißreflex um seine eigene Meinung hochzupriorisieren. Wenn etwas gegen die natürliche Ordnung ist, muss es ja schlecht sein. In Nebensätzen kommt aber auch eine völlig unbegründete Angst mit zum Vorschein, dass der Fortbestand der Menschheit gar gefährdet sei, da es ja keine Fortpflanzung zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern gibt. Eieieiei. Da frage ich mich doch, inwiefern sich die Erlaubnis zur Ehe auf die Zeugung von Nachkommen bei gleichgeschlechtlichen Paaren auswirkt? Oder glaubt der Diskutant ernsthaft, dass wenn man Homosexuellen keine/weniger Rechte einräumt, diese sich ganz normal in den heterosexuellen Pool der Fortpflanzung eingliedern?
Nächster Schritt: Der Gegenangriff. Da ich obige URL geposted hatte, werde ich mal eben kurzfristig als homosexuell abgestempelt. Das birgt tatsächlich schon homophobe Züge, denn damit kann man sich schnell den Rücken freischaufeln. Wenn der “Pro”-Diskutant selber homosexuell ist, dann erklärt sich ja auch, warum er pro ist – und man muss sich mit dem Thema nicht weiter auseinandersetzen. Meist wird das in face-to-face-Diskussionen noch mit einem süffisanten Lächeln unterlegt und applausheischenden Blicken an die Umstehenden, die auch überwiegend darauf anspringen: Schnell noch 2, 3 Schwulenwitze, das Thema ist im Lächerlichen, alles gut. Blos nicht weiter darüber nachdenken….
Die nächste Klassifizierung erfolgt mir ‘anormal’. Auch dieses ist nicht sehr weit gedacht, denn was normal oder anormal ist, bzw. was gesellschaftlichen Normen entspricht, wird zum Glück nicht mehr von einigen Wenigen bestimmt. Aber es hilft, mal schnell eine Diskussion polemisch aufzupeppen, ohne dass man begründen muss was oder warum etwas anormal ist.
Dann kommt aber der Klopper, den man so oder in abgewandelter Form in jeder argumentarmen Internetdiskussion findet: Der Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Man zieht einfach ein Totschlagargument, die moralische Keule, indem man gnadenlos übertreibt. In dieser Diskussion wurde dann einfach mal die homosexuelle Neigung in Vergleich gezogen mit einer theoretischen angeborenen Neigung Menschen zu töten (gibt es das überhaupt?), wahrscheinlich nur um eine moralische Rechtfertigung bzw. Abwertung zu bekommen.
Wehe aber, man hält den Leuten den Spiegel vor, zeigt Ihnen auf, dass sie inkonsequent bei der Verdammung “unnatürlicher” Dinge sind, sobald ihnen die Dinge zum eigenen Nutzen gereichen – schon geht es auf die persönliche Beleidigungsebene und Begriffe wie “armselig” etc. werden gezogen – und das ist bei weitem noch eine der positivsten Reaktionen, da sind nach unten alle Wege offen. Gleichzeitig wirft man schnell dem Anderen Intoleranz für die eigene Meinung vor (warum eigentlich? Es wurde doch nur die Meinung hinterfragt – egal).
Den Rest kennt jeder. Ich zitiere einmal von Wikipedia:
“Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit Hitler oder den Nazis dem Wert Eins an.” – Mike Godwin[1]
Eigentlich kennt die obige Abfolge so (oder in beliebig abgewandelter Form) jeder, der schon mal im Internet diskutiert hat. Warum nun ein langer Aufsatz zu diesem Thema?
1. I had a dream. Ja, ich dachte wirklich, dass wir (wir, die aufgeklärten Internetuser) inzwischen erhaben wären über Diskrimination aufgrund von Unwissenheit oder Angst. Oder beidem.
Nennt mich dumm oder naiv, weil ich das dachte. Ich hoffe und träume weiterhin, dass eines Tages Menschen nicht mehr nach derartigen Attributen vorverurteilt oder bewertet werden. Ich befürchte, ich werde es nicht mehr erleben…
2. Ich bin ehrlich schockiert darüber, von wem ich derartige Äußerungen zurück bekam. Alle drei Diskutanten stellen das perfekte Bild der 60er-Jahre Durschschnittsfamilie dar: Mann, Frau, 1.5 Kinder im Schnitt, Mann und Frau natürlich verheiratet.
Vielleicht erklärt das ja einiges. Die anderen Bekannten und Freunde, die ungebunden, in eheähnlichen Verhältnissen oder gar geschieden leben, äußerten sich interessanterweise offener. (Es scheint noch Hoffnung für Punkt 1 zu geben)
Vielleicht ändert sich die Meinung ja auch, wenn dieser Heile-Welt-Traum der perfekten Familie plötzlich von der Realität eingeholt wird, was die liberalere Meinung der Geschiedenen erklären würde.
3. Eine Frage, die mich schon seit langem umtreibt: Wissen ist heute für (nahezu) jedermann frei zugänglich. Erst recht für Personen, die jeden Tag mit dem Internet arbeiten. Warum wird trotzdem in Diskussionen immer gleich mit polemischen Stammtischparolen und Mangelwissen um sich geschlagen, ohne auch nur einmal Google oder Wikipedia zu bemühen? Alle drei Diskutanten sind täglich im Internet beruflich unterwegs, haben einen recht guten Bildungsstand.
Und genau in letzterem liegt der Grund für meine Dünnhäutigkeit. Warum machen sich die Leute nicht mal die Mühe, nachzuschlagen ob der eigene Wissenstand über ein Thema überhaupt richtig ist, nein, es wird gleich die große polemische Keule ausgepackt. Das war bei dem Norwegen-Attentat genauso, wo die gesamte Presse nahezu ohne Ausnahme erst einmal reflexartig das Wort “Terror” an die Wand warf, dem gleich eine Anfüllung zum islamistischen Terror etc. zu Gute kommen ließ – und raus damit an die Öffentlichkeit. Bevor man nur irgendetwas wusste. Und entgegen jeglicher Logik. Von den 249 terroristischen Anschlägen in Europa in 2010 hatten gerade einmal 3 einen islamistischen Hintergrund. Egal. Erstmal Beißreflex. Bombe = Terrorismus = islamistischer Terror. Jeder schreibt beim anderen ab und springt auf den Zug auf, der mit Volldampf aufs tote Gleis donnert. Lerneffekt daraus? Null. Bei der nächsten Bombe werden alle es wieder exakt gleich tun.
…und vermutlich werden auch die besagten Diskutanten bei der nächsten Nennung eines passenden Stichwortes wieder die gleiche, unsägliche Diskussionskultur an den Tag legen.
Vielleicht aber auch nicht.
I have a dream….